Caligola

"Caligola"
von Albert Camus

"Eine Tragödie der Intelligenz. Bühnenbild: unwichtig. Alles ist erlaubt, ausser dem Römertum... Es ist die Geschichte eines besseren Selbstmordes. Die tragischste Geschichte aller Fehler". A. Camus

 

Regieanmerkung

Mit "Caligola" nimmt die Compagnia Teatro Paravento erstmals ein Drama in Angriff. Vom "Venezianischen Triptychon", d.h. von Goldoni und der Commedia dell'Arte zu Albert Camus überzugehen mag überraschend erscheinen. Aber in den letzten Jahren hat sich unsere Arbeit entscheidend verändert, weil wir oft neue Risiken eingegangen sind und weil unser Misstrauen in das "bereits Gelobte" gleichgeblieben ist.

Es muss auch gesagt werden, dass wir uns beim Beginn dieser neuen Etappe unserer Arbeit eines ganz eigenartigen Dramas bedienen, dass uns eine breite Skala an szenischen Situationen bietet, in denen sich die Ausdruckskraft und die geistesverwandten Techniken unserer Gruppe herausstellen lassen. In diesem Werk finden wir uns oft in der Situation des Theaters im Theater, häufig sind die Momente von ausgesprochenem Sarkasmus, Ironie und schwarzem Humor - Elemente die der Truppe am Herzen liegen, die sie bereits in anderen Zusammenhängen erprobt haben. Es fehlt nicht an kabarettistischen Ausschmückungen, sie sind hier und da in Camus tiefen Reflexionen über die Macht eingestreut.

Es ist auch darauf hinzuweisen, dass das Werk eine ausgesprochen körperliche Darstellung erfordert, wo häufig Wort und Bewegung eine Einheit ergeben, die zu einer Vertiefung unserer Forschung über die Bewegung und die auf der Bühne zu erschaffenden Bilder führen kann. Darüber hinaus verstärkt die Live-Musik die Idee des Paravento, das Theater auf der Grundlage aller Ausdrucksmöglichkeiten der Schauspieler zu entwickeln.

Das zentrale Thema, das uns Camus vorschlägt, ist seit geraumer Zeit Denkanstoss im Innern der Compagnia und es war Stichwort für die Vorbereitung einiger unserer Produktionen. Sicher haben wir diesmal eine Reflexion über einen gegebenen Machttypus in einer bestimmten Situation vor uns - sehr fein und schwer zu entziffern, wenn man nicht ein vertieftes Studium aufnimmt, das zu einer klaren Auswahl dessen führt, was uns zu unterstreichen interessiert.

Mehr als die skandalösen Bestandteile, die die grosse Versuchung darstellen, der man verfällt, wenn man dieses Werk in Szene setzt, mehr drängte es uns, Camus Gedanken über die Condition Humaine zu verstehen und als Hauptbeweggrund die Einladung zum Nachdenken herauszustellen, um uns auf die mögliche Wiedergeburt der Gefahr des "Caligola" in jedem beliebigen Moment aufmerksam zu machen, in jeder beliebigen historischen Situation. Tatsächlich ist dies die Perspektive, die sich aus einer ersten Fassung, die Camus 1937 niederschrieb, ergibt:

"Non, Caligola n'est pas mort. Il est là, il est là. Il est en chacun de nous. Si le pouvoir vous était donné, si vous aviez du coeur, si vous aimiez la vie, vous le verriez se déchaîner, ce monstre ou cet ange que vous portez en vous. Notre époque meurt d'avoir cru aux valeurs et que les choses pouvaient être belles et cesser d'être absurdes."

Um auf der Bühne über so wichtige Dinge sprechen zu können, halten wir die höchste darstellerische Wahrheit für unabdingbar. Um diese zu erreichen, ist es nötig, das Wesen der im Werk dargelegten Konflikte zu erfassen. Um daraufhin dieses Wesen an den Zuschauer weiterzugeben, ist die grösste Einfachheit vonnöten, worauf Camus selbst unter anderem häufig innerhalb der Regieanweisungen des Stücks aufmerksam macht.

Mehr als ihn zu deklamieren ist es also nötig, den Text "mitzuteilen", damit das Wort den Zuschauer ohne Verzerrung erreicht, die die Absichten Camus beeinträchtigen könnten.

"Une tragédie de l'intelligence. Décor: il n'a pas d'importance. Tout est permis, sauf le genre romain ... . C'est l'histoire d'un suicide supérieur. C'est l'histoire de la plus tragique des erreurs. Un théâtre de l'impossible. Et si je me trouvais être, par malheur, scandaleux, ce serait seulement à cause de ce goût démesuré de la verité qu'un artiste ne saurait répudier sans renoncer à son art lui-même."

(A. Camus)

Aus: "Einladung zur Lektüre Camus" von Sergio Zoppi.

(Edition Mursia)

 

"Sueton und Seneca" haben an die Figur des irren Kaisers erinnert. Camus hat sich im wesentlichen auf den ersten gestützt, indem er häufig aus den Anekdoten schöpfte, die Sueton überliefert, um die Verrücktheit des Kaisers zu unterstreichen.

Im Vorwort, das der ersten Druckausgabe ohne Camus Unterschrift vorangestellt wurde, versichert dieser, dass sein Theater nicht als philosophisches verstanden werden darf, definiert Caligola und das Missverständnis vielmehr als "Theater des Unmöglichen". Mittels einer Situation (Das Missverständnis) oder einer Figur (Caligola). "Caligola, besessen vom Unmöglichen, versucht eine gewisse Freiheit auszuüben, die am Ende einfach als "die nicht Gute" abgegrenzt wird. Das ist der Grund, aus dem sich das Universum um ihn herum entvölkert und sich die Bühne um ihn entleert, bis er selbst stirbt. Man kann nicht auf Kosten der anderen Menschen frei sein. Aber wie kann man frei sein? Das ist noch nicht gesagt".

Die Kritiker sahen in Caligola eine Illustration der existentialistischen Theorie. Camus protestierte energisch dagegen, er erinnerte daran, dass sein Werk 1938, als der Existentialismus seine Theorien noch öffentlich formulieren musste, bereits geschrieben war. Man kann die Etikette des Existentialismus auch nicht überall anheften, wo das Problem des Absurden behandelt wird - wenn dem so wäre, müssten achtzig Prozent aller Fahrgäste der Metro, nach ihren Unterhaltungen beurteilt, Existentialisten sein.

Caligola ist gleichsam der Archetyp des Kaisers bis zu dem Moment, indem er einer höchst schmerzhaften Probe unterzogen wird: dem Tod seiner Schwester Drusilla, der bevorzugten, fast angebeteten Geliebten. Bis zu diesem Moment war der Inbegriff der Gerechtigkeit und der Barmherzigkeit, "er wiederholte oft, dass Leidenlassen die einzige Art der Selbsttäuschung sei. Er wollte ein gerechter Mensch sein". Der Tod Drusillas bringt die Ordnung der Dinge auseinander, konfrontiert den Kaiser mit der Absurdität des menschlichen Lebens. Der Wahnsinn bemächtigt sich Caligolas, der sich von diesem Augenblick an bemüht, der Welt das Absurde aufzuzwingen. Wie alle Verrückte versichert er, es nicht zu sein: "Ich habe einfach einen jähen Durst nach dem Unmöglichen verspürt". Ein Gleichgewicht ist zerstört: "Diese Welt, wie sie ist, ist unerträglich. Deshalb brauche ich den Mond, oder das Glücklichsein oder die Unsterblichkeit - irgend etwas, sagen wir - Verrücktes, wenn es nur nicht von dieser Welt ist". Dieses neue Bedürfnis ist mit der Entdeckung einer grossen Wahrheit verbunden, "dass die Menschen sterben und nicht glücklich sind". Nun will der Kaiser den eigenen Göttern über den Kopf wachsen, um "das Meer mit dem Himmel zu vermischen, die Hässlichkeit mit der Schönheit, das Lachen aus dem Schmerz hervorschiessen zu lassen".

Man sieht folglich, wie der Kaiser systematisch alle menschlichen Werte umstürzt, alles von vorne beginnt, der Gesellschaft eine neue Vision der Welt und der menschlichen Beziehungen auferlegt, wie er gegen sich selbst eine gleiche und entgegengesetzte Bewegung erzeugt, die ihn am Ende fortreisst. Die Patrizier werden rebellieren und ihn töten, Caligola wird von der Verschwörung wissen, aber er wird nichts unternehmen, um sie zunichte zu machen. Der Kreis schliesst sich erbarmungslos um den Kaiser, nachdem dieser das Unmögliche vergeblich gesucht hat. Die Nacht wirft sich über ihn, "schwer wie der menschliche Schmerz". Die Dolche treffen ihn, während er mit einem letzten Aufschluchzen schreit: "Noch lebe ich".

Dem klaren Ernst der Figur stehen die Regieanweisungen gegenüber, die gehalten sind, das Groteske der Situation zu unterstreichen, die Ironie der Szene und der Sprache hervortreten zu lassen und dies, vereint mit der inneren Bewegung des Dialogs, setzt Caligola in die Fussstapfen eines anderen grossen Narren, jenes König Ubu von Jarry, der vielleicht weniger philosophisch, sicher mehr nach der Art Rabelais', aber ebenso absurd ist.

 

Figuren des Prologs

ein Verrückter

Miguel A. Cienfuegos

eine Prostituierte

Alessandra Cusimano

ein Schulmeister

David M. Zurbuchen

ein Zoowächter

Elmar Thalmann

ein Zeitungsverkäufer

Andrea Noseda

Senator Lucio

Luisa Ferroni

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Figuren des Dramas

Caligola, Kaiser

Miguel A. Cienfuegos

Cesonia, Geliebte von Caligola

Alessandra Cusimano

Senator Metello

David M. Zurbuchen

Senator Muzio

Andrea Noseda

Senator Cassio

Luisa Ferroni

Senator Lucio

Alessandra Cusimano

Cherea, Chef der pretorianischen Leibwächter

Elmar Thalmann

Scipione, junger Poet

Luisa Ferroni

Elicone, Diener von Caligola

Andrea Noseda

Geist von Drusilla, Schwester von Caligola

Luisa Ferroni

Ehefrau von Muzio

Luisa Ferroni

ein Soldat

Giovanni Longhi

Musikerin

Annetta Debrunner

 


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